70 Klima- und Umweltgruppen, Anwohner*innen und Personen der Zivilgesellschaft sprechen sich in einem offenen Brief an Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder und Bundesumweltminister Carsten Schneider gegen den weiteren Aus- und Neubau von Bundesstraßen in der Region aus. Sie fordern eine klima- und sozialgerechte Verkehrswende für eine zukunftsfähige Mobilität für alle Menschen.

Nachdem sich kürzlich die Industrie- und Handelskammer Reutlingen sowie mehrere Bürgermeister*innen aus den Kreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb in einem offenen Brief an Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder gewandt hatten, melden sich nun auch zahlreiche Klima- und Umweltgruppen zu Wort, u. a. BUND und NABU Baden-Württemberg, die Deutsche Umwelthilfe, zahlreiche for Future Gruppen aus der Region sowie verschiedene lokale Gruppen gegen den Ausbau einzelner Streckenabschnitte. Sie widersprechen der Forderung nach einem schnelleren Aus- und Neubau von Bundesstraßen in der Region nachdrücklich. 

Vor 10 Jahren wurde das Pariser Klimaschutzabkommen beschlossen. Auch Deutschland ist verpflichtet, sich an dieses völkerrechtlich bindende Abkommen zu halten, im Bundes-Klimaschutzgesetz wird dazu u. a. Klimaneutralität bis 2045 festgelegt. 

„Nach der aktuellen Prognose des Umweltbundesamtes wird Deutschland dieses Ziel aber verfehlen. Außerdem reichen die im Klimaschutzgesetz festgelegten Minderungsziele gar nicht aus, um einen gerechten Beitrag zum Pariser Klimaschutzabkommen zu leisten. Es braucht also schnelle und effektive Maßnahmen für mehr Klimaschutz. Besonders im Verkehrssektor ist der Handlungsbedarf groß: Seit 2020 hat dieser Sektor die jährlichen Sektorziele überschritten.“, so Antonia Sachs von Fridays for Future Tübingen, die den Brief mitinitiiert hat.

Um einen gerechten Beitrag zum Pariser Klimaschutzabkommen leisten zu können, empfiehlt eine Machbarkeitsstudie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie im Bereich Verkehr ein Moratorium für den Fernstraßenbau sowie eine Reduktion des Autoverkehrs um die Hälfte bis 2035 (1). 

„Weiterer Aus- und Neubau von Bundesstraßen sind nicht mit unseren Klimazielen vereinbar. Umgehungsstraßen sind zudem keine langfristige Lösung für überlastete Strecken. Zahlreiche Studien zeigen, dass zusätzlicher Straßenbau zu induziertem Verkehr und dadurch erhöhtem Verkehrsaufkommen und steigenden Emissionen führt.“, erklärt Theresa Ringelmann von Fridays for Future Tübingen. Gelder müssten für die Instandhaltung von bestehender Infrastruktur und für Investitionen in klimafreundliche Mobilität genutzt werden. Es brauche mehr Platz für Radfahrer*innen und Fußgänger*innen, gut ausgebaute Radwege und einen zuverlässig funktionierenden, kostengünstigen ÖPNV, heißt es im Brief weiter. 

In der Region Neckar-Alb sind mehrere große Straßenbauprojekte im Bundesverkehrswegeplan aufgeführt. 

Der in Tübingen geplante Schindhaubasistunnel als Umgehung der B27 in Tübingen ist mit Kosten von knapp 500 Millionen Euro die teuerste Umgehungsstraße Deutschlands (2; 3). 

Detlef Hielscher, Anwohner der B27 in Tübingen und Mitglied im Bündnis Tübinger Tunnelstopp- Verkehrswende JETZT! meint: „Bis der Tunnel fertiggestellt sein wird, dauert es laut Experten noch bis mindestens Mitte der 2030er Jahre. Bis dahin werde ich als Anwohner der Südstadt, der von der Lärm- und Luftverschmutzung der B27 betroffen ist, weiterhin vertröstet. Anstatt Unmengen an Geld in ein klimaschädliches Großprojekt zu stecken, werden jetzt dringend Maßnahmen zur Entlastung der Anwohner*innen und Investitionen in eine klimagerechte Verkehrswende benötigt.“

Auch gegen die bei Ofterdingen ebenfalls als Umgehung der B27 geplante Endelbergtrasse gibt es Widerstand: 

„Nach über 40 Jahren Planung soll die umweltschädlichste aller Varianten gebaut werden. Sie verbraucht Flächen, die für immer verlorengehen, zerschneidet das grüne Tannbachtal und beeinträchtigt hochwertige Schutzgebiete und geschützte Arten. Das geht besser und billiger: Mit der Regionalstadtbahn.“, so Ulrich Eder, Anwohner und Streuobstwiesennetzwerker aus Mössingen.

Laut den Unterzeichner*innen führen beide Projekte voraussichtlich zu relevanten Mengen an induziertem Verkehr, die in den Planfeststellungsunterlagen jedoch ignoriert werden und damit einer klima- und sozialgerechten Verkehrswende entgegenwirken. 

„Wir, die Bürgerinitiative „Keine Dietwegtrasse“ (B464 Ortsumfahrung Reutlingen) unterstützen diesen offenen Brief mit allem Nachdruck! Unsere Haltung und Forderung ist: Vorrang vor dem Bau neuer Autobahnen und Bundesstraßen hat die Sanierung der bestehenden Verkehrsinfrastruktur (Straßen, Brücken, Tunnel, Schienenwege) sowie der Umbau zu einem klimaneutralen Verkehrssystem.“, stimmt Andreas Frosch für die Bürgerinitiative „Keine Dietwegtrasse“ zu.

Zukunftsfähige Mobilität in der Region Neckar-Alb bedeute vor allem die schnelle Umsetzung der Regionalstadtbahn. Durch die aktuelle schlechte finanzielle Lage der Kommunen werde die Finanzierung jedoch immer schwieriger. Die Unterzeichner*innen fordern Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder und Umweltminister Carsten Schneider daher auf, die Umsetzung der Regionalstadtbahn mit zusätzlichen finanziellen Mitteln aus dem Bundeshaushalt und aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität zu unterstützen: „Werden Sie Ihrer Verantwortung als Verkehrsminister und Umweltminister gerecht und setzen Sie Grundsteine für zukunftsfähige Mobilität für alle, anstatt weiterhin am motorisierten Individualverkehr festzuhalten!“ 

Unterzeichnet haben:

ADFC Reutlingen e.V. 

Arbeitskreis Klima und Energie Metzingen

Besser Busfahren im Landkreis Tübingen

BUND Kreisverband Reutlingen

BUND Landesverband Baden-Württemberg

BUND Regionalverband Neckar-Alb

Bündnis nachhaltige mobilität STEINLACHTAL e.V. – Die Vorstandschaft

Bündnis Tübinger Tunnelstopp – Verkehrswende jetzt!

Bürgerinitiative „Keine Dietwegtrasse“ Reutlingen

Critical Mass Tübingen

Critical Mass Wannweil

Deutsche Umwelthilfe e.V.

Ende Gelände Tübingen

Fridays for Future Baden-Württemberg

Fridays for Future Tübingen

GermanZero Tübingen

Health for Future Tübingen

Jugendgemeinderat Tübingen

Moutainbike Reutlingen Tübingen

NABU Landesverband Baden-Württemberg

Netzwerk Streuobst Mössingen e.V.

Parents for Future Reutlingen

Parents for Future Tübingen

Pro Windkraft Reutlingen

Psychologists for Future Tübingen

Radinitiative SCHÖNER RADELN* Wannweil

Reutlingen bleibt BUNT

Scientists for Future Tübingen

Waldbesetzung Schindhau Tübingen

ZAK³-Tübingen

Reinhard Beneken, Vorsitzender BUND KV Reutlingen

Holger Bergmann, Vorsitzender ADFC Reutlingen

Dr. Sabine Besenfelder, Anwohnerin Südstadt Tübingen

Fabienne Cevey-Schlegel, Mitglied Parents for Future Reutlingen 

Ulrich Eder, Anwohner und Streuobstwiesennetzwerker in Mössingen

Peter Elwert, Pro Regio-Stadtbahn aus Reutlingen

Detlef Hielscher, Anwohner Französisches Viertel Tübingen

Tina Hüselitz, Vorstandsmitglied BUND Reutlingen, Schwerpunkt Mobilität

Johann Kuttner, Netzwerk Mensch & Natur in Kusterdingen

Michael Lempp, Anwohner Südstadt Tübingen

Dr. Joachim Lerchenmüller, Anwohner Südstadt Tübingen

Verena Ludewig, Pliezhausen, Fahrgastbeirätin für den Reutlinger Stadtverkehr (RSV)

Sabine Mall-Eder, Anwohnerin und Landschaftsplanerin in Mössingen

Dr. Bernhard Nold, Anwohner Südstadt Tübingen

Nino Novak, Anwohner der bereits ausgebauten B28 in Tü-Bühl

Frithjof Rittberger, Pfarrer in Tübingen

Valerie Schmelcher, Anwohnerin Französisches Viertel Tübingen

Petra und Bernd Schott, Mitglieder BUND Tübingen

Gebhard Stiefele, Mitglied BUND-Ortsgruppe Metzingen

Dr. Iris Traus, Parents for Future Reutlingen und BUND-Gruppe Metzingen

Claus Voss, Mitglied in der Initiative SCHÖNER RADELN* Wannweil und Mobil Ohne Auto Tü/RT

Greta Wartenberg und Paula Kanzleiter, Sprecherinnen von Fridays for Future Baden-Württemberg

Martin Wörnle, Anwohner in Mössingen

Britta Zimmermann, Anwohnerin Lorettoviertel Tübingen

Tom Besenfelder, Gemeinderat in Tübingen

Rainer Blum, Pliezhausen, Kreisrat in Reutlingen

Rainer Buck, Kreisrat in Reutlingen

Benedikt Döllmann, Gemeinderat und Kreisrat in Tübingen

Matthias Feurer, Gemeinderat in Tübingen

Susanne Häcker, Kreisrätin in Reutlingen

Joachim Hespeler, Gemeinderat in Wannweil

Gabriele Janz, Gemeinderätin in Reutlingen

Gertrud Kleineikenscheidt, ehemalige Gemeinderätin in Metzingen und ehemalige Kreisrätin in Reutlingen 

Jana Krämer, Gemeinderätin in Tübingen

Franca Leutloff, Gemeinderätin in Tübingen

Dr. Markus Schenk, Gemeinderat in Metzingen

Swantje Uhde-Sailer, Gemeinderätin in Tübingen

Lisa-Maria Weigert, Gemeinderätin in Metzingen und Kreisrätin in Reutlingen

Quellen:

(1) Wuppertal Institut: CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze (2020). Bericht. Wuppertal. https://fridaysforfuture.de/wp-content/uploads/2020/10/FFF-Bericht_Ambition2035_Endbericht_final_20201011-v.3.pdf(2222

(2) https://rpt.baden-wuerttemberg.de/abt4/b27-28/ (zuletzt aufgerufen am 09.01.2026)

(3) https://structurae.net/de/bauwerke/gmuender-einhorn-tunnel?utm_source=chatgpt.com (zuletzt aufgerufen am 09.01.2026)